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Zheng He - Sein Leben: Der Admiral im Dienste des Kaisers
15.10.2006 - 14:52

Zheng He (Arktis, Antarktis)


Geboren – 1371 in Kunming, dem heutigen Puning, in der südchinesischen Provinz Yunnan
Gestorben – 1433 oder 1435
Herkunft - China
Beruf – Seefahrer, Großeunuch des chinesischen Kaisers und Admiral
Erfolge – einer der größten Seefahrer aller Zeiten, sieben große Expeditionen auf allen Weltmeeren

ZHENG HE
Zheng He im feierlichen Gewand am kaiserlichen Hofe
Quelle: Arts Livres

Sein Leben


Zheng He: Der Admiral im Dienste des Kaisers

Zheng He (oder Cheng Ho; Geburtsname Ma He) gilt als der berühmteste chinesische Admiral und ist sicher damit auch einer der bedeutendsten Seefahrer aller Zeiten.

Zheng He wird als Sohn einer streng gläubigen muslimischen Familie in der Ming-Dynastie geboren. Er ist in sechster Generation ein direkter Nachkomme des berühmten arabischen Ministers Sayyid ’Umar Shams al-Dīn, dessen Vorfahren sogar als Nachfahren Mohammeds gelten. Sein arabischer Beiname „San Bat“ lässt die Vermutung zu, dass Zheng He sogar das historische Vorbild für die arabische Sagengestalt „Sindbad der Seefahrer“ gewesen sein könnte.

ZHENG HE
Zheng He und die mächtige Drachenflotte
Quelle: ZDF Expedition

Entsandt vom mächtigsten Herrscher seiner Zeit, dem Kaiser von China, verlässt Zheng He im Jahre 1405 mit der gewaltigsten Flotte der Weltgeschichte den heimatlichen Hafen, lange bevor die Europäer beginnen, die Weltmeere zu erkunden. Er erreicht Amerika lange vor Christoph Kolumbus und stößt sogar an die Eisgrenzen der Polarmeere vor.

Über drei Jahrzehnte legt Zheng He als Kommandant der gewaltigen chinesischen Armada in riesigen Holzschiffen mehr als 50.000 Kilometer zurück, besiegt Piraten, erforscht die Meere, sichert die chinesische Vorherrschaft in Asien und eröffnet für den chinesischen Kaiser neue Märkte und so wichtige Handelsbeziehungen in bis dahin fremde Welten.

Seine Dschunken aus Holz sind beeindruckende technische und organisatorische Meisterleistungen, die selbst heute kaum nachbaubar sind. Die Schiffe sind über 120 Meter lang und bis zu 50 Meter breit. Um diese Kolosse anzutreiben, sind neun Masten notwendig. Und auch die Anzahl der Schiffe erscheint unvorstellbar: Die Armada umfasst über 300 Dschunken! Erst im späten 19. Jahrhundert werden in Europa Schiffe der gleichen Größe gebaut. Nicht aus Holz, sondern aus Stahl. Die Statik für die Stabilität und Sturmtauglichkeit bedeutet schlicht uneingeschränkte Genialität.

DRACHENFLOTTE
Ein Teil der unglaublichen Drachenflotte auf dem Weg in unbekannte Welten.
Quelle: ZDF Expedition

Aber seine ungewöhnliche Karriere beginnt recht schmerzhaft. 1382 gerät der elfjährige Zheng He, damals noch unter seinem Geburtsnamen Ma He, in Gefangenschaft der Ming-Truppen und wird später – was früher üblich war – kastriert und muss am kaiserlichen Hofe des Prinzen Zhu Di dienen.

Auf seinen späteren Reisen nimmt er stets in einem Glas seine beiden besten Stücke mit, um wenigstens im Jenseits wieder ein „richtiger Mann“ zu sein.

Ma He ist außergewöhnlich begabt und beliebt. Er wächst zu einer imposanten Erscheinung von zwei Metern heran und ist von edlem Charakter, was bei Kastration im Jugendalter eine übliche Folgeerscheinung sein kann. Der Prinz gibt Ma He den neuen Namen Zheng He, nachdem das Pferd des Eunuchen in einer Schlacht bei Zhenglunba getötet wurde.

Zheng He wird intensiv in Kriegkunst und Diplomatie unterrichtet und aus dem ehrgeizigen Prinzen Zhu Di wird der Kaiser Yongle - „der immerwährenden Freude“ (1402), wie er sich selbst nannte. Der Prinz rebelliert gegen den rechtmäßigen Throninhaber und gewinnt den angezettelten Bürgerkrieg mit Hilfe von Zheng He. Der junge Kaiser hatte viele große Visionen und maßlosen Ehrgeiz - und einen außergewöhnlichen Diener – Zheng He.

Als dritter Kaiser der Ming-Dynastie sollte Yongle zum bedeutendsten Herrscher der Ming-Dynastie werden und zählt heute zu den herausragenden Kaisern in der Geschichte Chinas.

Wegen anhaltenden Gefahren durch die wilden Reiterstämme der Mongolen zieht der Kaiser von Najing (Naking) nach Bejing (Peking) und veranlasst einzigartige Projekte:

Yongle baut sich einen gigantischen Kaiserpalast – die „Verbotene Stadt“ – und trägt mit tausenden von Gelehrten in einer 11.000-bändigen Enzyklopädie alles existierende Wissen aus dem gesamten Reich zusammen! Und auch der Bau die „Große Chinesische Mauer“ wird unter seiner Regentschaft vorangetrieben und weitestgehend abgeschlossen.

Aber das spektakulärste Projekt gibt der Kaiser 1403 an seinen begabten Vertrauten Zheng He in Auftrag, das selbst in der Geschichte Chinas seinesgleichen sucht: den Bau einer mächtigen Hochseeflotte.

Aus dem Diener wird der Admiral. Nie zuvor wird ein Eunuch mit einer derartig hohen militärischen Position bedacht. Nach nur zwei Jahren Bauzeit stehen im Herbst 1405 bereits 62 Schiffe für die erste Fahrt bereit. Das Ziel ist westwärts entlang der Küste zur arabischen Welt. Zheng He qualifiziert sich als geborener Muslim zusätzlich in der islamischen Welt überzeugend aufzutreten.

Im Gegensatz zu den Europäern 100 Jahre später gibt es für die Chinesen keine Eroberungsstrategie. Das chinesische Reich will nicht kolonisieren oder erobern. Man ist überzeugt, dass die Überlegenheit der eigenen Kultur die Tore der Welt sowieso öffnet. Ein internationales Netz an Beziehungen ist wichtiger als jegliche missionarische Ziele. Für die Chinesen ist der Glaube eh die persönliche Entscheidung eines jeden einzelnen.

Der Schiffsbau ist seiner Zeit weit voraus und einmalig. Die durchschnittlichen Dschunken sind drei Mal größer als die Schiffe, mit denen Kolumbus Amerika entdeckte. Und mit einer Wasserverdrängung von 3000 Tonnen übertreffen sie die Schiffe Vasco Da Gamas um ein zehnfaches.

In riesigen Trockendocks wird die Armada gebaut. Die einzelne Schiffsgröße sind eine statische Herausforderungen und es gilt das „Prinzip der Unsinkbarkeit“ – ein neuartiges Schottensystem wird entwickelt, was sich erst viele Jahrhunderte später in Europa durchgesetzt hat und noch heute praktiziert wird.

Admiral Zheng He befehligt eine Schar von Spezialisten an Bord: Dolmetscher und Beamte für das diplomatische Protokoll, Astrologen, Geomanten und Navigatoren für die Wettervorhersage und Wegbestimmung sowie Soldaten, Ärzte, Heilkundler und Wissenschaftler bis hin zu Agrarexperten. 28.000 Mann Besatzung.

Die schwerfälligen Hauptschiffe werden von wendigen, kleineren Patrouillenbooten und verschiedenen Versorgungsschiffen begleitet. Als Kriegsschiffe dienen fünfmastige Dschunken, zum Teil hoch bewaffnet. Jede Dschunke hat eigene Kapitäne und ist hierarchisch straff aufgebaut. Die Flotte ist auf hoher See in kleinere Flottenverbände geteilt, um beweglicher zu sein.

Die Dschunken werden nach ihrem Aufgabenbereich unterschieden. Auf Luxusschiffen werden Staatsgäste empfangen und ausgedehnte Räumlichkeiten dienen für Feierlichkeiten, Repräsentanz und Vergnügen.

Riesige Tanker decken den Bedarf an frischem Wasser. Auf den Pferdeschiffen werden Pferde für die Landgänge bereitgehalten. Viehtransporter dienen der Tierhaltung und Versorgung mit Frischfleisch und Agrarschiffe züchten fortschrittlich Sojakeime. Die kleine Sprosse bringt auf wenig Fläche großen Ertrag.

Außerdem haben damit die Chinesen frühzeitig das größte Problem der Seefahrt gelöst – Skorbut. Diese mangelnde Versorgung mit Vitamin C ist seinerzeit eine tödliche Mangelerscheinung und die Todesursache Nummer eins – ganze Besatzungen werden dahingerafft. 100 von 160 Männern sterben an mangelnden Vitamin C, als Vasco da Gama 1497 seine erste Reise unternimmt. In Europa verliert die Krankheit erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Schrecken, als James Cook Zitrusfrüchte und Sauerkraut auf seine Reise mitnimmt. Die fortschrittlichen Chinesen lösen das Problem 350 Jahre vorher.

Insgesamt sieben Mal wird die Armada aufbrechen, später mit hunderten von Dschunken.

Seine erste Reise führt ihn über Vietnam, Java, Malakka nach Indien. Indien ist bereits über den Landweg erforscht und ist für China ein wichtiger Handelspartner (Gewürze, Seide). Als politischer und wirtschaftlicher Repräsentant mit Blanko-Vollmachten des Kaisers festigt Zheng He die diplomatischen Beziehungen mit Indien und sichert die Straße von Malakka – das Tor zum Westen über dem Seeweg. Damals wie heute treiben Piraten in diesen strategisch wichtigen Gewässern ihr Unwesen. Auf dem Rückweg führt die Flotte einen erbitterten Kampf gegen die Piraten. Der Anführer wird gefangen genommen und öffentlich geköpft.

Zheng He sichert die Meeresenge, errichtet ein Basislager und damit auch den Nachschub für künftige Fahrten. Noch heute zeugt die arabisch nach ihm benannte Gegend San Bao-Hügel von der damals starken Präsenz der Chinesen - dort befindet sich der größte chinesische Friedhof außerhalb Chinas. Er umfasst über 12.500 Gräber.

Später steuert die Flotte in der Arabischen See bis nach Mombasa. Arabische und afrikanische Diplomaten eröffnen neue Absatzmärkte im Orient. Zheng He kehrt mit vielen Schätzen und Tributen der örtlichen Herrscher und Gesandten zurück. Auf sich wiederholenden Routen errichten die Chinesen Lager oder deponieren Güter.

Zum ersten Mal tritt China 1409 auch als maritime Großmacht auf, als durch ein Aufstand in Sri Lanka der feindselige König gegen eine chinesische Marionette ausgetauscht wird. Meistens reicht aber schon der Anblick dieser gigantischen Drachenflotte, den Gegner einzuschüchtern und die erwünschten Tribute einzusammeln.

Die Flotte hält sich auch viel an Indiens Küsten auf, wo Pfeffer und andere Gewürze begehrte Luxusartikel für die Chinesen sind. In Arabien hingegen wird viel Weihrauch angebaut. China hat einen großen Bedarf das getrocknete Harz dieser Pflanze – für die Tempel und für die Medizin. Die Heilkräfte und die entzündungshemmende Wirkung sind bis heute aus der chinesischen Medizin nicht wegzudenken. Außerdem fließt in die traditionelle chinesische Medizin arabischen Heilmethoden mit ein.

Auch an Bord der Flotte ist das kostbare Harz unverzichtbar. Ein „Hüter des Weihrauchs" wacht Tag und Nacht über die brennenden Räucherstäbchen, denn ihr gleichmäßiges Abbrennen teilt einen Tag in zehn Wachen ein.


Die Flotte bringt auch arabische Pferde für die Zucht mit zurück. Das chinesische Militär schätzt die kräftigen arabischen Vollblüter. Sie sollen bei der Verteidigung der Nordgrenze Chinas eingesetzt werden, gegen die kleinen wendigen Pferde der Mongolen.

Die Chinesen selbst exportierten das „weiße Gold“ – Porzellan. Auf dem Landweg ist Porzellan recht schlecht zu transportieren, es ist leicht zerbrechlich - und die Seidenstraße ist durch die Mongolen unpassierbar. Bemerkenswerterweise sind aus Europa Wolle und Wein für die Schatzschiffe völlig uninteressant.

Zheng He verlässt die Flotte so manches Mal und kehrt nach China zurück, wo er den Kaiser ausführlich unterrichtet und auch mit anderen wichtigen Aufgaben an Land betraut wird, wie die Instandsetzungsarbeiten an Tempelanlagen.

Auch die Flotte spaltet sich in Unterverbände auf, versorgt und verstärkt die einzelnen Basislager oder erkundet noch unbekannte Gebiete - eine Weltumsegelung von beiden Seiten. Dabei wird Australien ebenso wie die nordamerikanische Pazifikküste besegelt, das Kap der Guten Hoffnung umrundet - bis zur Karibik, Südamerika und den Polargebieten.

Die Flottenverbände erreichen bei der Weltumsegelung westwärts Feuerland und stoßen bis zum antarktischen Kontinent vor. Zheng He würdigt die erste Sichtung der Antarktis im Januar 1422 einem seiner Gefolgsleute, Admiral Hong Bao. Es folgen die ersten Begegnungen mit Pinguinen auf der Antarktischen Halbinsel und den Süd-Shetland-Inseln.

Nordwärts erreichen die Verbände der Armada arktische Gewässer und umsegeln die südlichen Teile Grönlands. Aber der Schwerpunkt des chinesischen Interesses bleibt aber weiterhin Indien, Malaysien und Arabien.

Ein Jahr vor der Antarktis, im Jahr 1421, fällt die Ankunft der Hauptflotte mit der Eröffnungsfeier des neuen Kaiserpalastes in Peking zusammen. Über 100 Abgesandte aus 30 Ländern bringt Zheng He von seiner fünften Reise mit. Eine Vielfalt an Kulturen und Menschen.

Selbst eine Giraffe ist unter den Geschenken. Die Chinesen halten es für das Fabeltier Quilin. Es erscheine nur, wenn sich die Welt in Harmonie befinde und der Herrscher eine weise Regierung führe.

Der Widerstand am kaiserlichen Hofe wächst. Zu kostspielig sind die Visionen von Kaiser Yongle, die Staatskassen sind erbärmlich leer. Auch der Einfluss der Eunuchen wird zunehmend in Frage gestellt. Die Konfuzianer brandmarkten die Reisen der Drachenflotte als Verschwendung von Staatsgeldern und vernichten Aufzeichnungen. Zheng He musste befürchten, dass in kurzer Zeit alle Spuren seines Lebenswerkes beseitigt werden und staatliche Chroniken seine Expeditionen verschweigen. Er errichtet eine Gedenktafel für seine Unsterblichkeit unter dem Vorwand der Danksagung an die Göttin der Meere (Tianfei) und hält darin seine Reisen für die Nachwelt fest.

Als der Kaiser 1424 stirbt, zerfällt die Flotte. Sein Sohn Hongxi (Zhu Gaozhi) wird sein Nachfolger und beendet die kostspielige Flottenpolitik. Beschädigte Dschunken dürfen nicht repariert werden, neue Schiffe werden erst gar nicht gebaut – die sagenhafte Drachenflotte droht am Ufer zu vergammeln.

Aber Kaiser Hongxi regiert nur kurz und stirbt überraschend an einem Herzinfarkt. Es folgt Yongles Lieblingsenkel, der berühmte Xuande Er übernimmt mit 26 Jahren den kaiserlichen Thron und setzt seines Großvaters Visionen fort. Er wird selber eine schillernde Figur in Chinas Geschichte.

Es vergeht ein wenig Zeit, aber Xuande schickt Zheng He 1431 erneut auf See – zum siebten Male. Mit der größten aller bisherigen Flotten treten über 300 Dschunken gegen den Prestigeverlust an. Doch Zheng He ist mittlerweile 60 Jahre alt.

Die Berichte über seinen Tod sind widersprüchlich. In der staatlichen Chronik ist sein Tod vor der Küste Indiens im Jahr 1433 eingetragen. Anderen Angaben zufolge erst im Jahre 1435 nach seiner Rückkehr in China. Sein Grabmal liegt bei Nanjing (Nanking) - unweit dreier großer Trockendocks, wo er die Armada hat bauen lassen. Das Grabmal wurde 1985 zum 580. Jahrestag seiner ersten Reise restauriert.

Mit Zheng He stirbt die große Ära der chinesischen Seefahrt. Das chinesische Reich beginnt, sich abzuschotten. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich China genau in der Zeit von den Weltmeeren zurückzieht, als die Europäer beginnen, sie zu erkunden. Wer weiß, ob es den Europäern gelungen wäre, den Globus politisch, militärisch und kulturell zu erobern, hätte China seine Präsenz auf den Weltmeeren ausgebaut.

Was bleibt ist die Erinnerung an eine Zeit, in der China das Tor zur Weltherrschaft offen stand.


polarworld


gedruckt am 12.11.2019 - 04:59
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