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Schröder-Stranz Expedition 1912-1913 (Deutsche Arktis Expedition)
13.11.2007 von C. Falk Mahnke

Schröder-Stranz-Expedition 1912-1913 (Deutsche Arktis Expedition)

Einer der am schlechtesten vorbereiteten und unproffessionell durchgeführten Deutschen Polarexpedition war die „Deutsche Arktis Expedition“ von 1912-1913 unter der Leitung des noch jungen derzeit 28 jährigen Leutnant Herbert Schröder-Stranz.

Ziel sollte, nach der unten beschriebenen Spitzbergen-Vorexpedition die Durchquerung der Nordostpassage sein. Hierfür wollte man sich zwei Jahre Zeit nehmen. Inhalt der Expedition sollte neben den geplanten, mit entsprechenden Persönlichkeiten ihres Faches besetzten Positionen, sehr umfangreiche wissenschaftlichen Forschungen auf allen Gebieten der Ozeanographie, Geographie, Geologie, Ethnologie, Botanik, Zoologie und Meteorologie sein.
Aber hauptsächlich kam es Schröder-Stranz wohl auf die Durchquerung der Nordostpassage an, um nach seinen Worten „Die Lösung praktischer Fragen des Weltverkehrs und Welthandel“ zu klären.

Als 20 Jähriger meldete er sich freiwillig als Soldat nach „Süd West“ Afrika und kämpfte sich vom einfachen Soldaten der Infanterie zum Leutnant hoch. Die dortigen Strapazen und der grausame Kampf gegen die Hereros hinterließen, in einer sehr vaterländisch geprägten Zeit, deutlich Spuren bei Schröder-Stranz. Künftig sollten seine Unternehmungen im Zeichen für Ruhm, Ehre, Volk und Vaterland stehen. Die Idee zu der Polarexpedition kam Ihm als er 1905 aus dem Krieg heimkehrend , gesundheitlich schwer angeschlagen durch Typhus und Ruhr, während einiger Reisen per Pferd durch Argentinien, die Halbinsel Kola und Karelien, bei der er nur von seinem Hund Tell begleitet wurde. Während dieser Reise reifte in ihm der Plan die Nordostpassage, die Alfred Erik Nordenskiöld mit seiner Vegafahrt als erster 1878-1880 entdeckte, erneut zu bezwingen um diese künftig möglichst wirtschaftlich nutzen zu können und somit die zu vermutenden reichen Schätze Nordsibiriens für das Vaterland zu sichern.
Die Beschaffung von Geldmitteln für die Durchführung der Expedition gestaltete sich immens schwierig. Abenteuerliche Beschaffungsmaßnahmen von Geld wurden immer wieder versucht die fern aller Realität waren. Um der Expedition ein besseres öffentliches Ansehen zu verschaffen wurde extra ein Ehrenpräsidium mit hochgestellten und adeligen Persönlichkeiten gegründet. Diese Herrschaften sollten nicht nur mit Geld sondern dem Vorhaben von Schröder-Stranz Glanz und Gloria verleihen. Tatsächlich hatte er es geschafft viele Leute aus dem deutschen Hochadel und sogar Teile der russischen Regierung zu begeistern. Aber letztendlich konnte die Expedition, trotz vieler Bettelbriefe und versuchter Lotterien nie auf einer sicheren finanziellen Grundlage zurückblicken.

Schröder-Stranz bestellte für die Hauptexpedition ende Juli 1912 das bei Max Oertz in Hamburg in Anlehnung an die Fram und der Gauss entworfene Expeditionsschiff bei der Stocks und Kolbe Werft in Kiel. Obwohl er die vertraglich vereinbarte Summe der Anzahlung in Höhe von 100.000 MK zu dem Zeitpunkt nicht besaß. Das Schiff sollte bei Ablieferung am 01.Juli 1913 insgesamt 916.000 MK kosten.

Zum Testen der Ausrüstung, wissenschaftlichen Geräten und auch zum kennenlernen der Mannschaft sollte es eine Vorexpedition nach Spitzbergen geben. Hierfür wurde der Sterling, ein 1878 aus Eichenholz gebautes norwegisches Fangschiff in Tromsö gekauft und auf den Namen „Herzog Ernst“ umgetauft. Herzog Ernst II, Regent von Sachsen-Altenburg war ein großzügiger Sponsor und Protektor des gesamten Vorhabens. Der Herzog hatte 1911 selbst eine Expedition nach Spitzbergen gemacht. Durch seine Spende war die Vorexpedition erst möglich geworden .Die Herzog Ernst war ein 26,00 m langer Zweimastschoner und mit einem an Asthma leidenden zweizylindrigem 45 PS starken Bolinderpetroleummotor ausgestattet.

Am 05.August 1912 verließ man Tromsö mit einem voll gepacktem Schiff. Viel zu spät für eine Polarexpedition. An Bord waren 15 Teilnehmer. Die Besatzung bestand aus 5 Norwegern und 10 Deutschen offiziellen Expeditionsmitgliedern. Schröder-Stranz soll nach Angaben von Crewmitglied Hermann Rüdiger erst kurz vor der Ausreise von einer möglichen Überwinterung gesprochen haben. Die Aussicht auf einen kalten, dunklen und langen Winteraufenthalt kam für die Mannschaft sehr überraschend wobei keiner darauf vorbereitet war. Acht Männer sollten ihre Heimat nicht wieder sehen.

An Bord gab es schon recht früh Meinungsverschiedenheiten zwischen der angeheuerten norwegischen Besatzung und den ihrer Meinung nach höher gestellten Expeditionsteilnehmern. Der norwegische Koch konnte nach Auffassung der Deutschen gar nicht kochen. Somit übernahm der auch als Proviantmeister eingeteilte Marinemaler Christopher Rave zur allgemeinen Zufriedenheit aller diese Aufgabe.
Schröder-Stranz verließ das Schiff in großer Eile an der Eiskante in Höhe Nordkap und Kap Platen weit von der Küste des Nordostlandes am 15. August. Er wollte mit dem Kapitänleutnant a. D. Sandleben, dem Geographen und Geologen Dr. Mayr und dem Privatsekretär und Präparator Schmidt auf einer Hundeschlittentour das Innlandeis von Nordost-Land durchqueren und spätestens am 15 Dezember in der Croßbai, der Westküste Spitzbergens wieder auf das Schiff stoßen. Schon an dieser Entscheidung kann man erkennen das Schröder-Stranz wenig Kenntnisse über polare Regionen hatte. Eine Rückkehr zu dieser Jahreszeit nach Tromsö ist auch bei günstigen Eisjahren höchst unwahrscheinlich. Schröder-Stranz und seine Begleiter wurden nie wieder gesehen.

Erst auf zwei Fahrten im Juli 1937 und Juli 1938 ist es dem norwegischen Kapitän und Robbenschläger Amandus Wilhelmsen durch einen Zufall gelungen Überreste eines Lagers im Duvefjord (Nordostland) von Schröder-Stranz zu finden. Die gefundenen Gegenstände wurden von Hermann Rüdiger identifiziert und seinerzeit dem deutschen Museum für Länderkunde in Leipzig übergeben.

Sechs Tage nach dem Absetzen von Schröder-Stranz und seinen Begleitern erreicht die Herzog Ernst am 21. August die Sorgebai. Ungünstige Winde und viel Packeis machten es unmöglich aus der Bucht auszubrechen Die Stimmung an Bord ist schlecht zwischen den verbliebenen 11 Männern. Früh mussten die Männer erkennen dass wohl eine Überwinterung unausweichlich ist. Lebensmittel waren nicht im Übermaß, aber doch reichlich vorhanden. Die Männer hatten es nicht verstanden sich mit der vorhandenen Situation zu arrangieren. Man saß also fest. Erst jetzt merkte man den Mangel an fehlender Ausrüstung an allen Ecken und Kanten. Mit der Aussicht einer Überwinterung zu entfliehen und eventuell noch mit einem Schiff im selben Jahr die Heimat zu erreichen begab sich die Mannschaft zu Fuß auf den beschwerlichen Weg zur Adventbai. Zunächst brachen die Deutschen alleine auf. Die Norweger zogen es vor nach vielem hin und her an Bord zu überwintern. Schnell löste sich die Truppe auf. Doktor Detmer und Doktor Moeser versuchten alleine schneller voran zu kommen um Hilfe zu holen. Sie blieben leider aus ungeklärten Gründen verschollen.

Erst 1978 fand man die Leichen von Detmers und Moeser im Eis. Dr. Rüdiger erlitt schwere Erfrierungen an den Füßen und Händen. Zwei Norweger und der Maschinist Eberhard die später mit Kapitän Ritscher unterwegs waren wollten auf das Schiff zurückkehren weil sie sich den schweren Marsch nicht mehr zutrauten. Eberhard ging auf diesem Rückmarsch ebenfalls unter mysteriösen Umständen verloren. Dr. Rüdiger und der Marinemaler Rave blieben zusammen und konnten unter dramatischen Umständen eine Hütte am Wijdefjord erreichen, wo Rave ihm mit einer Säge die erfrorenen Glieder amputierte. In dieser Hütte mussten die beiden fast zwei Monate mit wenigen Lebensmitteln ausharren. Der Winter war in diesem Jahr äußerst kalt, das sogar das Petroleum zu Blöcken fror. Zwischendurch verstarb auch noch der norwegische Koch eines natürlichen Todes an Bord der Herzog Ernst. Nur Kapitän Ritscher, ein zäher Hund, der immer wieder auf Polarreisen als Schiffsführer erwähnt wird, gelang es in einem Alleingang tatsächlich, zum Schluss auf alle vieren, die Adventbai zu erreichen und eine Meldung abzusetzen.

Alle Deutschen bis auf Ritscher, Rave und Rüdiger gelten bis heute als verschollen. Ausgelöst durch die Meldung von Kapitän Ritscher wurden vier Hilfsexpeditionen organisiert. Eine davon schon sehr früh. Am 24. Januar 1913 starteten vier Mann von der Adventbai in den Norden. Wegen Erfrierungen großer Kälte und andere Umstände musste diese versuchte Rettung schon am 12. Februar aufgegeben werden.

Kurt Wegener, der Bruder von Alfred Wegener, startete am 21. Februar von der Cross- und Kingsbai eine sechs Wochen dauernde Suche nach den Leuten der Schröder-Stranz Expedition. Mit drei Teilnehmern kämpfte er sich unter schwierigen Umständen ergebnislos zum Woodfjord und musste dann ohne Ergebnis zügig den Heimweg antreten.

Im April 1913 lief die Hertha unter Leitung des norwegischen Hauptmann Staxrud auf Spitzbergen zum Zwecke der offiziellen deutschen Hilfsexpedition ein. Man fand Rave und Rüdiger wohlbehalten in der Hütte der ehemaligen schwedischen Gradmessungsexpedition von 1899-1900 in der Sorgebai am 21.April. Danach besuchte man auch noch die Herzog Ernst, die immer noch eingefroren in der Sorgebai fest lag. Am 16. Mai erreichte man mit Rüdiger auf einem extra gebauten Bettschlitten da Rüdiger nicht gehfähig war Longyear in der Adventbucht.

Die vierte Hilfsexpedition unter dem umstrittenen Polarfahrer Theodor Lerner mit der Lövenskjölk hat ihre eigene Dramatik und Schicksal. Lerner suchte hauptsächlich im Nordostland nach Schröder-Stranz und seinen Begleitern. Aber es gab keine Anhaltspunkte nach dem verbleib der Schlittenfahrer, und man musste die Suche abbrechen. Während des Vorstoßes nach Nordwest traf man die Männer von Staxrud der eigentlich auch noch nach Schröder-Stranz suchen wollte. Lerner verlor sein Schiff vor dem Beverlysund durch Eispressungen, und wurden somit selbst zu Schiffbrüchigen.

Man entschloss sich daher die Herzog Ernst frei zu sprengen, was auch gelang. Dann machte man sich unverzüglich mit Kapitän Ritscher, der aus dem Krankenhaus in Tromsö nach einigermaßener Genesung extra eingeflogen wurde und sein Schiff auf Spitzbergen wieder übernahm, auf die Heimreise. Über die Lernerische Hilfsexpedition drehte der damals erst 18 jährige Kameramann Sepp Allgeier einen 45 Minuten langen Film. Der damals sehr erfolgreiche Film ist leider bis heute in seiner vollen Länge trotz intensiver Suche noch nicht wieder aufgetaucht.

Am 16.August 1913 erreichte die „Herzog Ernst“ Tromsö. Was für eine Tragödie lag in dem vergangenen Jahr! Nur 7 von 15 Teilnehmern kehrten aus diesem Alptraum heim.

Der Polarkenner Arved Fuchs war im Sommer 2007 mit seinem bewährtem Expeditionsschiff „Dagmar Aaen“ in Spitzbergen auf den Spuren von Schröder-Stranz unterwegs. Darüber wurde ein Film für das ZDF gedreht welcher im Frühjahr 2008 gesendet werden soll.

Verfasser:


Aufsatz von C. Falk Mahnke, Bad Bramstedt, den 13. November 2007

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